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Verlagerungspolitik: Durchhaltevermögen ist gefordert

Mai 2006

 

Dr. Hans-Jörg Bertschi,
Präsident des Verwaltungsrats der Hupac AG

Hupac hat 2005 zum ersten Mal in ihrer Geschichte mehr als 500.000 Lkw-Sendungen von der Strasse auf die Schiene verlagert. Das Verkehrswachstum betrug erfreuliche 15,9 Prozent. Zwei Meilensteine haben das vergangene Jahr geprägt: die Eröffnung des neuen Terminals Busto Arsizio-Gallarate und das Konzept der international durchgehenden Traktion.

 

Dank des neuen Umschlagterminals können wir in den nächsten Jahren im Alpentransit weiter wachsen. Wir sind uns bewusst, dass neue Terminals in Europa heute fünf und mehr Jahre Planungshorizont brauchen – deshalb bereiten wir schon jetzt die nächsten Projekte vor.

 

2005 war das erste Jahr mit international durchgehender Traktion von über 15.000 Hupac Zügen. Die Umstellung von nationaler zu durchgehender Führung der Züge kommt einer Revolution in der europäischen Bahnlandschaft gleich. Die Erwartungen haben sich weitgehend erfüllt: Die Pünktlichkeitsrate, d.h. der Anteil der Züge mit weniger als einer Stunde Verspätung, hat sich weiter verbessert, und die Produktivität konnte gesteigert werden. Allerdings bleibt noch viel zu tun, um die angestrebte Pünktlichkeit von über 90% zu erreichen.

 

Hupac ist der erste und einzige Operateur, der die Chancen der Marktöffnung der Bahn für sein gesamtes Leistungsangebot nutzt. Einige andere grosse europäische Operateure wurden dieser Chancen beraubt; die Staatsbahnen haben die Mehrheit an ihnen kürzlich übernommen. Diese Entwicklung verzögert die Marktöffnung – für Hupac ist die Profilierung als grösster unabhängiger Operateur im europäischen Markt jedoch eine einmalige Chance.

 

Fünf Jahre nach Veröffentlichung des EU-Weissbuchs Verkehr und zwei Jahre nach Inkrafttreten des ersten Bahnpakets gibt es in den meisten EU-Ländern noch immer keinen echten Wettbewerb auf der Schiene. Viele Prozeduren sind zu schwerfällig und langsam, und die geltenden Direktiven werden nicht durchgesetzt.

 

Neueinsteiger werden oft diskriminiert und "alte" Bahnen erhalten versteckte Subventionen über Defizitausgleich und andere Kanäle. Was fehlt, sind unabhängige, aktive Regulierer, die entsprechende Kompetenzen haben und in den Markt eingreifen können, um Missstände zu beseitigen. Die Gefahr der Re-Monopolisierung wächst, wenn es der EU nicht gelingt, die Marktöffnung wirksam durchzusetzen. Das wäre ein Bärendienst für die Zukunft des Systems Schiene in Europa – und würde in der Schweiz wohl auch den künftigen Erfolg der Verlagerungspolitik im Alpentransit in Frage stellen. Nur Wettbewerb vermag die Innovationen zu schaffen, die für zukünftige attraktive intermodale Angebote im Transitmarkt erforderlich sein werden.

 

Die Marktöffnung Schiene hat ganz erheblich zum bisherigen Erfolg der Schweizer Verlagerungspolitik beigetragen. Sie hat – zusammen mit der finanziellen Förderung – den kombinierten Verkehr beflügelt. Er ist von 2000 bis 2005 um ganze 50 Prozent gewachsen. Ohne neue Operateure und innovative Modelle der durchgehenden Traktion wäre dieses Wachstum undenkbar gewesen. Wettbewerb belebt den Markt!

 

Und die Verlagerung greift: Von 2000 bis 2005 ist die Zahl der Lastwagen, die durch die Schweizer Alpen fuhren, von 1,4 auf 1,2 Millionen (-14%) gesunken. Ganz im Gegensatz zum Brenner, wo der Lkw-Transit in diesen fünf Jahren um 27 Prozent zugenommen hat. Der Weg der Marktöffnung ist steinig. Er erfordert Durchhaltevermögen – bei den betroffenen Unternehmen, aber auch in der Politik, in Brüssel und in Bern. In der Schweiz stehen bald entscheidende Weichenstellungen an:

  • Das Trassenpreissystem muss korrigiert werden - es ist nicht korrekt, dass ein Hupac Zug dreimal
    so stark belastet wird wie ein Intercity-Zug.
  • Mit der Bahnreform 2 ist ein aktiver Regulierer zu schaffen, der die Marktöffnung vorantreibt - vergleichbar
    mit der Comcom im Telekomsektor.
  • Das neue Güterverkehrsverlagerungsgesetz soll die (pro Sendung laufend sinkende) finanzielle Förderung
    der Transit-Verlagerung nach 2010 sichern.
  • Die öffentliche Hand als Mehrheitseignerin von SBB Cargo und BLS Cargo muss sich Tendenzen
    der Re-Monopolisierungen bei den Bahnen vehement widersetzen.

Hupac geht die Zukunft optimistisch an - für 2006 wird dank neuer Angebote im Markt wieder ein zweistelliges Wachstum der Verkehre erwartet. Mit unserem Tun wollen wir auch zukünftig einen aktiven Beitrag zu einer nachhaltigen und sicheren Güterverkehrslogistik in Europa leisten.